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Teil IV: Schlaganfall
Versorgung mit Stolpersteinen (1. Teil)
von Wiebke Heiss/MEDICA.de
Der Schlag trifft die Menschen aus heiterem Himmel. Oft ist eine lebenslange Behinderung die Folge. Die Forschung in Prävention und Rehabilitation macht Fortschritte – allerdings kommen die Ergebnisse nur schleppend beim Patienten an.15.08.2009
Auf dem weißen Bett liegt ein Mann, den Walkman in der rechten Hand, die Hörer sitzen auf seinem Kopf. Er hört Klavierkonzerte. Das ist kein Vergnügen, sondern harte mentale Arbeit. Es ist 2004, Walter Steiner* hatte einen Schlaganfall – plötzlich brach er in seiner Küche zusammen – und liegt im Krankenhaus. Sein Ziel: Den kleinen Finger der linken Hand zum Leben zu erwecken. Im Takt zur Musik.
Jedes Jahr erleiden etwa 250.000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall. Ein Gerinnsel verstopft die Sauerstoffzufahrt im Gehirn oder ein Gefäß platzt, so dass Milliarden von Zellen zerstört werden. Die Folge sind Lähmungen, Sprachprobleme, kognitive Störungen. Kommt ein Patient rechtzeitig in die Klinik, dann kann im Falle eines Blutgerinnsels versucht werden, es mit Medikamenten aufzulösen. Diese Lyse-Therapie ist aber nur bis zu viereinhalb Stunden nach dem Anfall möglich. Ab dann können Ärzte nur noch versuchen, Schadensbegrenzung zu betreiben.
Vor zehn Jahren wurde das Kompetenznetz Schlaganfall gegründet, um das Schlaganfallmanagement zu verbessern, da in der Prävention, der Akuttherapie und der Rehabilitation die Behandlungsmöglichkeiten nicht ausgeschöpft werden. „Das Kompetenznetz wurde gegründet, um Forschungsergebnisse schneller von der Forschung zum Krankenbett von Schlaganfallpatienten zu bringen“ erklärt Christian Nolte von der Berliner Charité. „Dass alle neuen Therapien auch direkt beim Patienten ankommen, da kann man sich aber nicht sicher sein, es gibt keine Kontrollinstanz.“
Darunter litt auch Walter Steiner: Als er im Krankenhaus aufwachte, war er halbseitig gelähmt. Die Prognose des Arztes lautete: „Sie werden Ihren Arm nie wieder heben können.“ Damit wollte sich der promovierte Bundesbeamte nicht abfinden und er begann sich selbst zu therapieren. „Ich wusste, dass das Gehirn noch Zellen in Reserve hat“, sagt der heute 71-Jährige. „Also begann ich mich auf meine Finger zu konzentrieren.“ Stundenlang und Tag für Tag stellte er sich vor, wie er seine Finger bewegt. Bis er nach Wochen tatsächlich den kleinen Finger zum Daumen führen konnte. Heute nutzt der Pensionär seinen Arm wie früher.
Walter Steiner übte instinktiv etwas, von dem auch die Forschung schon seit etwa zehn Jahren weiß – von einem erstaunlichen Potential des Gehirns: Studien liefern immer mehr Hinweise darauf, dass das Denkorgan bis ins hohe Alter wandelbar ist, Meditation und Training können Hirnstrukturen ändern. Auf diese Erkenntnisse stützen sich Maßnahmen wie die Forced-Use-Therapie. Indem, zum Beispiel, die gesunde Hand einer halbseitig gelähmten Person fixiert und so unbrauchbar gemacht wird, ist der Patient gezwungen, sich auf die gelähmte zu konzentrieren. So werden neue neuronale Netzwerke im Denkorgan aufgebaut. Das Resultat: Selbst schon jahrelang gelähmte Menschen sind in der Lage ihre unfitte Hand wieder zu trainieren.
*Name von der Redaktion geändert
- Teil 1: Versorgung mit Stolpersteinen
- Teil 2: Experten an die Front
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