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Teil V: Dekubitus

Dekubitus: Der große Unbekannte (1. Teil)

von Wiebke Heiss/MEDICA.de

Es trifft Menschen, die in Krankenhäusern, Pflegeheimen oder zu Hause liegen. Wie viele an einem Druckgeschwür leiden, weiß niemand genau, aber Experten schätzen die Kosten für das Gesundheitssystem auf viele Millionen. Dabei lässt sich Dekubitus vermeiden. Allerdings nicht immer.15.09.2009

Die meisten Menschen haben noch nie etwas von ihm gehört, noch immer ist der Dekubitus ein großer Unbekannter. Der Grund: Die fiesen Wunden - in echt Druckgeschwüre –, die schwer zu heilen sind, schlimmste Schmerzen verursachen, bis auf den Knochen reichen können, sie erblicken sehr selten das Licht der Öffentlichkeit. Höchstens wenn es mal einen Prominenten trifft, ist Dekubitus ein Thema – die Boulevardpresse berichtete zuletzt 2002 über den wund gelegenen Rücken des demenzkranken Entertainers Harald Juhnke.

In der Realität sind die chronischen Wunden aber ein großes Problem, das viele, vor allen Dingen ältere Menschen treffen kann. 2002 schätzte das Robert Koch-Institut gemeinsam mit dem Statistischen Bundesamt, dass jährlich mehr als 400.000 Personen unter einem behandlungsbedürftigen Druckgeschwür leiden – die Kosten liegen irgendwo zwischen 700 Millionen und 2 Milliarden Euro. Damals rüttelte die Studie eines Rechtsmediziners aus Hamburg die Verantwortlichen wach: Klaus Püschel vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) wollte herausfinden, wie viele alte Menschen sich vor ihrem Tod wundgelegen hatten. Er untersuchte über 10.000 Verstorbene und fand bei zirka elf Prozent mindestens einen Dekubitus. Auf Deutschland berechnet bedeutet das: Jedes Jahr liegen mehrere tausend alte Menschen über Wochen und Monate auf ihrem blanken Fleisch oder ihren Knochen.

Dekubitus ist nicht immer ein Pflegefehler

In Hamburg versuchten die Verantwortlichen das Problem in den Griff zu kriegen und vor zehn Jahren beschlossen sie den Beginn einer Erhebung, mit der man mehr über Dekubitus erfahren wollte – in der Hoffnung ihn auszumerzen. Vor und nach einem Krankenhausaufenthalt wurde der Zustand von Patienten genau untersucht und die Daten gesammelt. Das überraschende Ergebnis: „Ein gewisser Anteil an Dekubitus ist nicht zu vermeiden, obwohl man früher dachte, dass allen Druckgeschwüre mit den richtigen Maßnahmen vorzubeugen ist“, sagt Hans-Jürgen Thomsen, der am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) die Pflege leitet. Mittlerweile gehen Experten davon aus, dass einige Patienten trotz aller Prophylaxe einen Dekubitus erleiden können. Thomsen erklärt das mit Patienten, die ob der Schwere ihrer Erkrankung nicht für eine Dekubitusprophylaxe wie regelmäßiges Umlagern geeignet sind, oder mit Intensivpatienten, die in einem schlechten Ernährungszustand sind, und selbst mit geeigneten Maßnahmen extrem anfällig für ein Druckgeschwür sind.

„Wir haben es aber mithilfe des Expertenstandards zur Dekubitusprophylaxe von dem Deutschen Netzwerk zur Qualitätsentwicklung in der Pflege geschafft, das Vorkommen von Dekubitus am UKE zu senken“, sagt Thomsen. Dieser Standard muss nun von allen Häusern bundesweit verpflichtend eingehalten werden, er hat auch strafrechtlichen Bestand. Hamburg ist auf dem Gebiet Dekubitus Vorreiter sowohl in der Erfassung der Geschwüre als auch im Abhalten eines strukturierten Dialog. Das heißt, dass Häuser, die eine auffällig hohe Anzahl an Patienten mit Druckgeschwüren haben, angesprochen werden. Im Dialog soll dann geklärt werden, ob es einen Grund für die hohe Inzidenz gibt und mit welchen Maßnahmen man diese bekämpfen kann.

Der Rechtsmediziner Püschel wiederholte im letzten Jahr seine Studie und beobachtete, dass trotz aller Prävention noch immer zu viele Menschen an den chronischen Wunden leiden: Wissenschaftler untersuchten bei der Leichenschau im Krematorium 8518 Verstorbene ab dem 60. Lebensjahr. Immerhin zwölf Prozent der Verstorbenen hatten mindestens eine geringfügige Durchliegestelle aufzuweisen, etwas mehr als drei Prozent aller Verstorbenen wiesen Dekubitalulzera dritten oder vierten Grades auf – das sind tiefe, offene Wunden, in denen in schlimmen Fällen auch der Knochen bar liegt.

- Teil 1: Der große Unbekannte
- Teil 2: Mangel an Forschung

 
 

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